La Repubblica di Weimar nella storiografia contemporanea 1933-2009
(den deutschen Titel habe ich an einem Punkt erweitert:)
Die Weimarer Republik in der deutschen geschichtlichen Interpretation 1933-2009
di
Bernd Sösemann
Diskussionsbeitrag zum Convegno
„Weimar e il problema politico constituzionale italiano“, Rom, 19.10.2009
Ich untersuche die deutsche Historiographie zu vier Epochen:
- der nationalsozialistischen Diktatur,
- der DDR,
- der BR Deutschland und
- in dem relativ kurzen Zeitabschnitt seit 1989, also im vereinten Deutschland.
Von wissenschaftlichen Forschungen kann erst seit 1945 gesprochen werden. Also von einer Forschung, die ihren Gegenstand selbständig wählt, quellenorientiert arbeitet und weitestgehend frei von politischen Zwängen aller Art ist.
Historiker und Politikwissenschaftler haben aus unterschiedlichen Gründen Schwierigkeiten bei der Interpretation und Bewertung der Weimarer Republik (WR).
Es geht mir in allen Epoche um die Grundzüge beziehungsweise Haupttendenzen des jeweiligen historiographischen Gesamtbilds, nicht um einzelne Persönlichkeiten oder die Position einer Minderheit und auch nicht um intern gebliebene Diskussionen.
Ergebnisse:
Aus den Positionsunterschieden, den unterschiedlichen Fragestellungen, gesellschaftspolitischen Standpunkten der Wissenschaftler sowie aus ihren jeweiligen theoretischen beziehungsweise methodisch-konzeptionellen Ansätzen und Intentionen ergeben sich für meinen Versuch eines Überblicks mindestens drei Hauptherausforderungen:
Zum einen kann der „historische Ort“ der WR nicht losgelöst von der Einschätzung des deutschen Kaiserreichs bestimmt und zum anderen sollte nicht davon abstrahiert werden, was zeitlich auf die Ära der WR direkt folgte: das nationalsozialistische Terrorregime und ein Rasse- und Vernichtungskrieg über Europas Grenzen hinaus sowie das Ende des deutschen Nationalstaats in der Prägung von 1871 und die 45-jährige Teilung Deutschlands. Und drittens sollte die WR nicht vorrangig aus der Perspektive von 1933, also von Ihrem Scheitern her interpretiert werden.
(En passant gesagt: Die Periodisierung der WR mit den Daten 1919 und 1933 erscheint mir allein schon mit Blick auf die durch den Artikel 48 und die Macht des Reichspräsidenten „legalisierte Diktatur der Präsidialkabinette“ nicht überzeugend zu sein. Der 30. Januar 1933 stellt nicht einen scharfen Bruch dar; die Hitler-Papen-Hugenberg-Koalition steht vielmehr in der Tradition der Präsidialkabinette seit Brüning.)
Monokausale Interpretationen beherrschten die Zeit der Nationalsozialisten seit 1933 und der Kommunisten seit 1945/49. Die Forschung wurde mehr oder weniger restriktiv durch programmatische Erklärungen von Politikern oder Festlegungen in Jahresplänen, durch Weltanschauung oder Ideologie bestimmt. In der sehr kurzen Zeit der NS-Diktatur – eine friedliche Entwicklung gab nicht einmal während eines halben Jahrzehnts – kam es zu keinen deutlich hervortretenden Veränderungen. In der DDR-Historiographie lassen sich dagegen verschiedene Phasen einer Entwicklung erkennen. Nach einer längeren Anfangsphase, in der ausschließlich entschieden marxistisch-leninistische Kampfschemata die Darstellung der Geschichte der WR bestimmten, verloren ideologisch geprägte Darstellungen punktuell und partiell an Einfluss. Die Historiker durften sich einzelnen, parteipolitisch als opportun angesehenen Forschungsfeldern wenigstens sektoral mit erweiterten Fragestellungen widmen.
Eine freie Forschung war in der nationalsozialistischen Epoche ebenso wenig wie in der DDR aus vielerlei Gründen nicht möglich. Nach 1933 griffen Monopolpartei und staatliche Institutionen direkt und systematisch in den Wissenschaftsbetrieb ein, wenn auch nicht durchgehend konsequent und effektiv. In der DDR verlief die Entwicklung in einer Frühphase ähnlich. Ihr folgten Abschnitte wechselnd scharfer Reglementierungen und Effizienz, doch unterhalb einer offenen und direkten Zensur blieben der Monopolpartei, den staatlichen Institutionen und den sogenannten gesellschaftlichen Einrichtungen eine Fülle höchst effektiver Lenkungsmaßnahmen und verdeckter Eingriffsmöglichkeiten.
Seit 1989 zeigt sich eine großflächige, also über die Geschichte der WR hinausreichende Tendenz, vielfältige Zusammenhänge der deutschen Geschichte seit dem Kaiserreich mit denen des „Westens“ hervorzuheben. Auch die letzten Relikte eines „deutschen Sonderwegs“ beherrschen seitdem keineswegs mehr die Historiographie in Deutschland. Diese Feststellung gilt auch international.
(Sieht man einmal von den gelegentlichen Versuchen ab, neuerdings einen „Sonderweg“ für die Geschichte Preußens zu konstruieren.)
Nach einer Phase der Einseitigkeiten im ersten Jahrzehnt bestimmten in der BR Deutschland und in der Zeit seit 1989 relativ schnell multikausale Erklärungsansätze, verschiedenartige Perspektiven, Gewichtungen und Akzentuierungen ein breites öffentliches Spektrum von differenzierten Ergebnissen und Urteilen. Das aktuelle Erkenntnisinteresse, die neueren Interpretationen und Beurteilungen der WR konzentrieren sich vorwiegend als Spezialuntersuchung konzipierte Darstellungen auf. Sie beziehen sich auf einzelne Entwicklungen, Themen und Sachverhalte.
Die Konturen des Gesamtbilds des 20. Jh. sind in der deutschen Historiographie durch eine gut sechzigjährige Forschung geschärft worden, so dass auch der interpretatorische Rahmen der WR inzwischen relativ deutlich abgesteckt worden ist. Über Interessen und Fragestellungen späterer Generationen ließe sich heute nur spekulieren. Jegliche Geschichtsschreibung wird bestenfalls eine Annäherung an historische Tatbestände bieten.
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